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Können Hunde trauern?

Können Hunde überhaupt trauern? Diese Frage wird von der Wissenschaft mit einem klaren Ja beantwortet. Es stellt sich nur die Frage, wie Hunde trauern und wie man Ihnen bei der Trauerbewältigung helfen kann.

 

Fly war ein Wunschhund. Melanie und Daniel waren überglücklich, als sie das kleine, schwarze Fellknäuel beim Züchter endlich mit nach Hause nehmen durften. Der Flat Coated Retriever bereicherte das Leben des Paares vom ersten Moment an...alles schien perfekt zu sein und Fly entpuppte sich im Laufe der Zeit als ein gelehriger und folgsamer Hund. Er schien immer gut gelaunt zu sein und hatte eine Menge Schabernack im Kopf, was ihn noch liebenswerter machte. Doch dann eines Tages dann der Schock – Daniel kam bei einem Autounfall ums Leben. Eine Welt brach für Melanie zusammen, aber auch für Fly. Wochenlang lag Fly vor der Wohnungstür und wartete auf die Rückkehr seines Herrchens Daniel. In den ersten Wochen frass er kaum, war unruhig. Melanie brauchte Fly, um nicht durchzudrehen. Viele Stunden verbrachte sie weinen mit Fly in ihren Armen. Im Laufe der darauffolgenden Monaten änderte sich das Verhalten des Hundes. Er bellte bei jedem kleinsten Geräusch in dem Mehrfamilienhaus, er bellte auch, wenn es an der Tür klingelte oder Melanie telefonierte. Sein Verhalten wurde immer fordernder. Melanie konnte keinen Schritt machen, ohne dass Fly sie dabei kontrollierte. Wenn Melanie beim Gassigang jemanden traf und für einen kurzen Plausch stehen blieb, bellte Fly ununterbrochen oder er sprang die Leute an. Er folgte nicht mehr und entwickelte sich langsamen zu einem unkontrollierbaren Pöbler. Melanie gab sich alle Mühe, Fly an die vergessenen Regeln zurück zu erinnern, doch damit war sie schlichtweg überfordert. Auch sie litt unter dem Verlust ihres Lebenspartners und musste ihr Leben erst mal neu sortieren.

 

Können Hunde trauern?

Man sagt, Hunde leben nur in der Gegenwart. Die Vergangenheit oder die Zukunft interessiert sie nicht. Doch wenn eine Bezugsperson oder ein Artgenosse aus der Familie stirbt oder plötzlich nicht mehr da ist, kann die vormals wohlstrukturierte Welt eines Hundes aus den Fugen geraden. Und das fast im wahrsten Sinne des Wortes. Der tote

Bindungspartner wird schmerzlich vermisst, sei es Mensch oder Artgenosse. Nichts ist mehr wie es war, denn die noch vorhandenen Bezugspersonen verhalten sich für die Vierbeiner unberechenbar. Hunde können feinste Gefühlsschwankungen ihres Menschen wahrnehmen. Aufgrund dessen kann eine grosse Unsicherheit entstehen, da sie das veränderte Verhalten ihres Menschen nicht richtig interpretieren können. Hunderassen, die sehr menschenbezogen gezüchtet sind, leiden unter einem Verlust besonders. Auch Depressionen können die Folge von Trennungsschmerz sein. Hatte der Hund die Gelegenheit, Abschied vom geliebten sterbenden Menschen am Sterbebett oder einem Artgenossen zu nehmen, hält sich die Trauer oftmals in überschaubaren Grenzen. Fehlt jedoch die Gewissheit, dass die Bezugsperson oder das „Gspänli“ gestorben ist, scheint das Loslassen für Hunde ebenso schwer wie für den Menschen. Denn das Leben hält sich nicht immer an unsere Vorstellungen.

 

Die Trauer hat viele Facetten
Fly zweifelte an Melanies Führungsqualitäten. Er konnte ihre Stimmungsschwankungen und auch die neuen körperlichen Signale nicht mehr deuten. Somit musste er die Führungsrolle selbst in die Pfoten nehmen, auch wenn er sich dazu eigentlich nicht in der Lage fühlte. Deshalb bellte er und sprang andere Leute an. Er versuchte Melanie zu beschützen. Mit Daniel war das Rudel komplett gewesen, die Sicherheit und Fürsorge gewährleistet, denn das ist für Hunde überlebenswichtig. Sie orientieren sich an ihren Menschen, vertrauen ihnen. Bricht ein bestehendes Rudel (fFamilie) auseinander, muss schnellstmöglich die Sicherheit wiederhergestellt werden, sonst ist die Gemeinschaft verletzbar. Die empfundene Trauer eines Hundes ist zwar nicht unbedingt identisch mit der eines Menschen, trotzdem ist es Trauer. Hunde leiden unter der Abwesenheit und den fehlenden Interaktionen mit dem Bindungspartner. Dies kann zu ganz unterschiedliche Verhaltensänderungen führen.

 

Woran erkennt man, dass ein Hund trauert?
Die menschliche Trauer hat mehrere erkennbare Stadien: Leugnung, Wut, Handel, Depression und zuletzt die Akzeptanz. Auch bei der Trauer des Hundes kann wahrscheinlich nur die Zeit Wunden heilen. Es gibt viele Verhaltensänderungen, die mit der Trauerbewältigung einhergehen.


Anzeichen einer Depression
1. Kein Interesse an der Umwelt
2. Schlaflosigkeit, Unruhe
3. Appetitlosigkeit
4. Verlust der Spielfreude
5. Verdauungsprobleme (Durchfall, Verstopfung,
Erbrechen)
6. Stubenunreinheit


Häufig befällt eine Depression genau die Hunde, die man als stur und selbstbewusst bezeichnet. Denn oft ziehen diese Hunde ihre Stärke aus der «geordneten Umwelt», die durch den Verlust einer Bezugsperson nicht mehr existiert. Aber Achtung: Nur eine Fachpersonal kann durch ausgiebiges Beobachten des Hundes eine Depression
diagnostizieren.


Anzeichen von Frustration und Stress
1. Übermässiges Bellen, Jaulen, Winseln
2. Übersprungshandlungen (Ersatzhandlungen)
3. Kratzen und übermässiges Hecheln
4. Konzentrationsprobleme


Diese dauerhaften Stresszustände können letztendlich sogar zu einer organischen Krankheit führen. Aber ein Patentrezept zur Trauerbewältigung für Hunde gibt es nicht. Der Umgang mit der Trauer ist wie beim Menschen von der Persönlichkeit abhängig. Hinzu kommt, dass der hinterbliebene Mensch mit seiner eigenen Trauer oftmals so sehr beschäftigt ist, dass er kaum die Kraft aufbringen kann, die verantwortungsbewusste und souveräne Führungsrolle für den Vierbeiner zu übernehmen. Es ist ein kleiner Teufelskreis, denn oft ändert sich das Verhalten des Hundes erst dann zum Positiven, wenn es auch dem Menschen wieder besser geht.

 

Die Trauer des Hundes erleichtern
Stirbt eine wichtige Bezugsperson oder ein Artgenosse, sollte man liebgewonnene Rituale und Gewohnheiten des Hundes nicht sofort ändern. Bestimmte Gassizeiten, Spiele, Schlafplätze und Futtergewohnheiten sollten in den ersten Monaten beibehalten werden. Manchmal hilft es, für den Hund ein «Gspänli» anzuschaffen. Dies sollte aber sehr wohl überlegt sein, nicht immer ist dies die richtige Entscheidung. Sind Mensch und Hund in ihrer Trauer zu sehr verhaftet, kann auch eine temporäre Auszeit vom sozialen Umfeld ein Stück weit helfen. Homöopathische Mittel und gemeinsame Kuschelzeiten mit dem Geruch von Lavendelöl können Stress abbauen und die Bindung zueinander neu stärken. Wer einem trauernden Hund professionell helfen lassen möchte, sollte einen Verhaltenstherapeuten zu Rate ziehen.

 

 

 

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